Pressestimmen

„Zeichen gegen heutige Ressentiments“

RBB Kultur/ARD

„Erstklassig“

Jüdische Allgemeine

„Georg Stephan verkörpert den Dichter“

tip Berlin (ehem. Zitty)


Denk ich an Deutschland in der Nacht...

Paris, 1844: zurück von der letzten Reise durch die Heimat, entsteht »Deutschland. Ein Wintermärchen«, Heinrich Heines später berühmtestes Buch. Die Reise-Erzählung voller Witz und Poesie ist zugleich eine Rede aus dem Exil. Lange von Zensur und Verboten getroffen, ist das Werk seit 2018 erstmals vollständig auf der Bühne zu erleben.

In der Spielzeit 2026/'27 wieder in Berlin!

Zur Neu-Eröffnung der Spielstätte Kapelle99 durch das Land Berlin kam »Deutschland. Ein Wintermärchen« in einer Reihe von Aufführungen 2025/2026 zurück in die Hauptstadt. Georg Stephan (Schauspiel und Oper Frankfurt, Münchner Kammerspiele, Deutsches Schauspielhaus Hamburg) ist mit Heinrich Heines Klassiker, als erstmals vollständigen Theaterbearbeitung, demnächst wieder hier zu erleben. Termine folgen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied !

Heinrich Heines Werk hat eine lange Geschichte von Verboten, Zensur und Selbstzensur. Heute kann das Werk vollständig online als wissenschaftliche Gesamtausgabe gelesen werden, beim Heinrich-Heine-Institut (hier).

Bisher sehr begrenzt ist die Möglichkeit, die erhellenden Gedanken der Heine-Forschung online zu erkunden. Das will deutschlandeinwintermaerchen.de zukünftig für diesen Text leisten. Forschungsliteratur zum Wintermärchen wird bereits regelmäßig in einem Blog auf dieser Website vorgestellt und später (incl. Volltextsuche) mit Heines Versen verknüpft.

Aufführungen seit 2018

(Auswahl)

2025

Kulturförderung des Doppelbezirks Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, Eröffnungsspielzeit der neuen Kappelle 99 mit »Deutschland. Ein Wintermärchen«

2023

Schiffbauerdamm/ Reichstagsufer Berlin, Kulturschiff MS Goldberg — Gastspiel im Medio.Rhein.Erft, Bergheim, Konrad-Adenauer-Platz

2021

Heinrich-Heine-Institut / Heinrich-Heine-Gesellschaft, Düsseldorf: Live-Übertragung von »Deutschland. Ein Wintermärchen«

2020

»Deutschland. Ein Wintermärchen« im Kulturprogramm des Zentralrats der Juden in Deutschland

2019

Eröffnung Literaturtage der NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf mit »Deutschland. Ein Wintermärchen«

2018

Berlin, Unter den Linden: »Deutschland. Ein Wintermärchen« erstmals ungekürzt, Premiere

Blog   »Ein neues Lied, ein besseres Lied«

von Georg Stephan



Einmal wöchentlich — jeden Dienstag — stelle ich hier Literatur aus der Welt der Heine-Forschung vor, dazu Gedanken aus meiner eigenen Praxis rund um Text und Bühne.

7. Juli 2026

»Heinrich Heine — Vom Triaspoeten zum polyphonen Autor. Prozesse und Wandlungen« von Manfred Windfuhr


Du bist der Richter, der Beamte bin ich.
Und mit dem Gehorsam des Knechtes
Vollstreck ich das Urteil, das du gefällt.
Und sei es ein ungerechtes.
(Wintermärchen, Caput VI)

Die Schauspielerin (Schauspieler mitgemeint), die wie eine Caroline Neuber ihren Mann stehen muss bei der Aufführung dramatischer Literatur1, hat während der Aufführung keine Zeit über diese Literatur nachzudenken. Was geschrieben steht muss vollstreckt werden. Erst nachher, nachdenkend, kann die Künstlerin sich ein neues Urteil machen. Die Literatur ist geduldig mit ihrem lesenden Publikum, sie ändert sich kaum, es sei denn die Forschung bringt neues Textmaterial ans Licht. Geschehen im Fall Heine. Da sitzt jemand im Publikum, bald einhundert Jahre alt und noch immer aktiv in der Heine-Forschung. Manfred Windfuhr2 lehrt mich, dass Heines Wintermärchen und Sommernachtstraum Antworten sind auf dieselbe Lebenskrise. Wer handelt, das spielt keine so große Rolle mehr wie die Frage nach der gemeinsamen Handlung selbst. Feuer und Flamme sein müssen wir. Das Lernen hört niemals auf3.

1     Petra Oelker (1993) » ›Nichts als eine Komödiantin‹ Die Lebensgeschichte der Friederike Caroline Neuber«.
2     Manfred Windfuhr (2025): »Heinrich Heine — Vom Triaspoeten zum polyphonen Autor. Prozesse und Wandlungen«.
3     Konfuzius (2014) »Das große Lernen. Maß und Mitte. Der Klassiker der Pietät«, übersetzt und kommentiert von Wolfgang Kubin in Band 5 seiner Reihe »Klassiker des Chinesischen Denkens«.



30. Juni 2026

»Heines ›Hebräische Melodien‹ « von Norbert Oellers


Ein Hochzeit-...Ständchen! ...ist mein Lied.
Das Bessere, das neue.
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe.
(Wintermärchen, Caput I)

Endlich gehen sie auf, meine Sterne, ich ahne sie schon, lange vor Sonnenuntergang1. Dass ich sie jetzt schon sehen kann am steil zur Kuppel ansteigenden Horizont, das verdanke ich der steilen These in Norbert Oellers Text2 über das Spätwerk Heinrich Heines. Vom Frühwerk zum Spätwerk jeder Künstlerin (Männer sind hier mitgemeint) verläuft eine Bahn, die Lebensbahn. Sie deutend, heißt es Kitsch zu meiden und Hochmut. Wer beides erfolgreich meidet wie Norbert Oellers weiß, dass wenig gewusst werden kann. Das Wenige zu einem Sinn zu komponieren, der das Werk dort begleitet (auf seinem Weg zum Publikum), wo es nicht zeitlos-selbstverständlich ist, müssen sich die Lebenden zur Aufgabe machen. Wie das in Worte fassen? Wenn Norbert Oellers Recht hat (und das hat er), dann hat Heine uns mit seinen Melodien einen Code überliefert, um jeden beliebigen Text zu begleiten. Die Autorin (selbst die männliche) wird unsichtbar3.

1     Gerhart Hauptmann (2017): »Vor Sonnenaufgang« (kommentiert herausgegeben und sehr informativ benachwortet von Peter Langemeyer).
2     Norbert Oellers (2001): »Heines ›Hebräische Melodien‹ « (in »Das Jerusalemer Heine-Symposium«, herausgegeben von Klaus Briegleb und Itta Shedletzky).
3     Yoshi Oida (1998): »Der unsichtbare Schauspieler« (bevorwortet von Peter Brook; insgesamt aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Petra Schreyer).


23. Juni 2026

»Der große Maskenball. Heines exilierte Götter« von Renate Schlesier


Was den Hund betrifft, so ist er
Freilich ein serviler Köter.
Weil: Jahrhunderte hindurch
Ihn der Mensch „wie'n Hund“ behandelt.
(Atta Troll, Caput VI)

Wir leben nicht allein auf diesem Planeten, Gott sei Dank gibt es noch eine Tierwelt. Es ist eine Freunde. Tier sei Dank können wir Menschen uns nicht ewig für Götter halten. Wir sind Menschen, nicht weniger, nicht mehr und doch: es genügt nicht. Gut1 müssen wir sein wollen. Wie das geht, gut sein, das macht Renate Schlesiers Text2 deutlich. Es geht nicht ohne Maskenspiel. Sie stellt die Götter — kaum Göttinnen — vor, mit denen Heine spielte wie mit Theatermasken. Sie werden es ihm vergeben, die griechischen Götter. Sie sind in einem den Tieren nicht unähnlich, nämlich schämen sich ihrer gesunden Existenz nicht. Die Bösewichter unter ihnen, die sich des eigenen Ungesunden nicht schämen, spielen Maskerade. Es gibt Menschen, die ebenso handeln. Wer es mit ihnen aufnehmen will, braucht Waffengleichheit, braucht die Maske. Sie sind trotzdem leicht zu erkennen, etwa an ihren Hunden, falls vorhanden. Hunde sind uns in vielem überlegen3, immer aber darin, sich von Herzen zu freuen.

1     Gotthold Ephraim Lessing (1978): »Hamburgische Dramaturgie« (in »Lessings Werke«, Band 4, herausgegeben von den nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar).
2     Renate Schlesier (2001): »Der große Maskenball. Heines exilierte Götter« (in »Das Jerusalemer Heine-Symposium«, herausgegeben von Klaus Briegleb und Itta Shedletzky).
3     Barbara Wardeck-Mohr (2022): »Geniale Hunde und ihre verblüffenden Fähigkeiten«.


16. Juni 2026

»Heines orientalische und okzidentalische Wechsel. Postalische Poetologie als Korrenspondenz mit der Vergangenheit und den Toten« von Sigrid Weigel


Es wächst heran ein neues Geschlecht,
Ganz ohne Schminke und Sünden.
Mit freien Gedanken, mit freier Lust.
Dem werde ich alles verkünden.
(Wintermärchen, Caput XXVII)

Kommunikation, also Empfang und Sendung, beidseitig von Zukunft und Vergangenheit? Sprechen mit den kommdenen Generationen? Korrespondenz mit den Toten. So nennt es Sigrid Weigel. Nun, Tote gibt es genug. Damit nicht genug: auch wir selbst, wir Lebenden, werden einmal dazu gehören. Damit man uns auch dann noch versteht, wenn es einmal soweit ist, braucht es Texte wie diesen1. Mehr noch! Gestern, Heute und Morgen, das lerne ich von Sigrid Weigel, brauchen einander, zum gegenseitigen Verständnis und um sich jeweils selbst zu verstehen. Apropos Zunkuft: vielleicht — memento mori — erleben wir sie und können ein Wörtchen2 mitreden! Was wir nicht unternehmen, das unternehmen irgendwann andere (auf Kredit) und haben (damit) vielleicht mehr Glück3! Pech im Spiel...

1     Sigrid Weigel (2001): »Heines orientalische und okzidentalische Wechsel. Postalische Poetologie als Korrenspondenz mit der Vergangenheit und den Toten« (in »Das Jerusalemer Heine-Symposium«, herausgegeben von Klaus Briegleb und Itta Shedletzky).
2     Wolfgang Kubin (2021): »Das Wasser kocht sich zu Tode. Mein Leben im Abriss« (erster Band, den Jahren 1945—1966 gewidmet).
3     Ivana Chubbuck (2005): »The Power of the Actor«.


9. Juni 2026

» ›Ergriffenheit and Kritik‹: Or, Decolonizing Heine« von Paul Peters


Es gibt hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder.
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust und
Zuckererbsen nicht minder!
(Wintermärchen, Caput I)

Zuckererbsen, musste mir Barbara erklären, sind nicht die ollen harten, die man einweichen muss, das sind die frischen aus der Schote, gerade reif und richtig. Einst im Mai, da haben Barbara Abend und ich Heines Wintermärchen gepaukt, Barbara war damals noch Frau Abend für mich und was Zuckererbsen sind wusste ich nicht, weil: ich nicht drüber nachgedacht, zu hingerissen war ich von Heines Ryhthmus. Noch hinreißender waren Barbaras Hinweise, doch auf den Inhalt des Erzählten zu achten. Aber warum überhaupt Zuckererbsen? Von Paul Peters1 lerne ich es, heute. Noch viel mehr möchte ich von ihm lernen2. Ein Weg, der sich beschreiben lässt, ist nicht der Weg3. Aber Umspielen und umschreiben kann man ihn. Heine konnte es.

1     Peters (1997): » ›Ergriffenheit and Kritik‹: Or, Decolonizing Heine«, in »Monatshefte«, Nummer 3.
2     Peters (1997): »Die Wunde Heine. Zur Geschichte des Heine-Bildes in Deutschland«, eine Urgewalt von Buch, hier von mir vorgestellt; viel mehr noch gibt es auf der Website von Paul Peters bei McGill-Universität in Kanada zu finden.
3     Ueschiba (2020): »Budō«, aus dem Japinischen übersetzt von wem? Werner Kristkeiz?


2. Juni 2026

»Heine als Mythologe« von Robert C. Holub


Beleid'ge die Götter! Die Alten! Die Neu'n!
Auch Gute, die Bösewichter!
Und den höchsten, Jehova! ...obendrein,
Beleidige nur nicht den Dichter.
(Wintermärchen, Caput XXVII)

Das Eine, das Andere, beides, keins von beiden1. Für Heine: das Eine (A) ist die jüdisch-christliche Vergeistigung. Das Andre (B) die griechische Sagen- und Götterwelt voller nackter Sinneswahrheiten. Von Robert C. Holub2 lerne ich: Heine hat beides (C) für sich und's Publikum neu definiert und beides hat ihm am Ende trotzdem nicht weitergeholfen. Es braucht keins von beiden (D), einen neuen Mythos, immer neu, neu, wieder neu3. Was bleibt? Etwas jenseits der Frage (E), ein neuer Blick auf die Frage. Wer fragt, der führt.

1     von Kibéd, Sparrer (2023): »Ganz im Gegenteil«.
2     Holub (1991): »Heine als Mythologe«, in »Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile«, herausgegeben von Gerhard Höhn.
3     Schilling (2009): »Yijing - Das Buch der Wandlungen«, sinologisch aufgeklärt und vielleicht grade deshalb mit immerwährender Vorsicht zu genießen.


26. Mai 2026

»Träumen Tanzen Trommeln. Heinrich Heines Zukunft« von Leo Kreutzer


Den lispelnd westphälischen Akzent
Vernahm ich mit Wolllust wieder.
Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch
Und ich dachte der lieben Brüder.
(Wintermärchen, Caput X)

Vorbei ist nicht vorbei. Es geht weiter, Runde um Runde, Tag für Tag, Stunde tick und tak. Leo Kreutzer nocheinmal1. Leo Kreutzer bleibt im Rhythmus, die lehrreiche Pointe ist wieder schnell erzählt. Doch alles ist weiter — gefühlt. Überall auf der Welt, die sich dreht, niemals steht, gibt es Poesie — in Gestalt alter, sehr alter Geschichten. Das ist eine alte Geschichte, doch Leo Kreutzer hat sie ja selbst erlebt, auf dem Kontinent Afrika. Den Freunden dort widmet er das Buch2. Das ist neu, fortschrittlich. Und die Pointe? Linker Antisemitismus3 allein war es nicht, was Heines wunderschönes Werk links abprallen ließ als sei links rechts. Es war — weiter und dünner gefühlt — ein blinder Glaube an die eigene Fortschrittlichkeit. Leo Kreutzer selbst war leider nicht frei von beidem. Dennoch schrieb er ein schönes Buch. Am liebsten aber lese ich Geschichten, alte neue Geschichten. Leo Kreutzer erinnert mich draran, dass sie überall spielen können, irgendwo4.

1     Kreutzer (1970): »Heine und der Kommunismus«, vor einiger Zeit in meinem Blog vorgestellt
2     Kreutzer (1997): »Träumen Tanzen Trommeln. Heinrich Heines Zukunft«.
3     Peters (1997): »Die Wunde Heine. Zur Geschichte des Heine-Bildes in Deutschland«, ebenfallls vor Kurzem vorgestellt, liefert die um Vieles stärkere Analyse.
4     Kuschel (2022): »Taoismus im Zeitalter des Wilhelminismus. Martin Buber und Alfred Döblins taoistischer Roman ›Die drei Sprünge des Wang-lun‹ «, in »Martin Buber und die Literatur«, herausgegeben von Heike Breitenbach und Johannes Waßmer.


19. Mai 2026

»Poesie und Lüge. Zur Liebeslyrik des ›Buchs der Lieder‹ « von Bernd Kortländer


Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
Das schenkte mir freundlich den Punsch ein.
Wie goldene Seide das Lockenhaar,
Die Augen sanft, wie Mondschein.
(Wintermärchen, Caput X)

Er liebt mich, Er liebt mich nicht, Er liebt mich, Er liebt mich natürlich nicht! Ob Juppiter (von ihm möchte man nicht geliebt werden1), ob HERR (auch nicht), es ist was faul im Staat und in der Welt, es fault von Moment zu Moment. Eben noch sprachen wir im Angesicht der Liebe, doch schon ist der Moment vorbei, es bleibt etwas ganz anderes übrig, das Sprechen über der Liebe. Den Unterschied2 kannte Heine und dichtete mit Lust Lieder, in denen der Verlust blieb, er ging nicht verlustig, er blieb bewusst. Das wusste Bernd Kortländer, das alles wusste er und schrieb3 den tollen Aufsatz, der mir blieb. Ich hab ihn lieb. Piep piep, recht guten Appetit: vom Aufsatz sollten alle probieren, die einmal auf 16 Taschenbuchseiten die ganze Heine-Genialität kosten möchten. Politisches im Liebeslied, einzige Wahrheit in glatter Lüge, nackt eingekleidet, Persönliches im Volkstümlichen. Volk, nein, Bevölkerung, ach: Menschheit, lies! Sie liest mich, sie liest mich nicht, sie...

1     von Ranke-Graves (1960) »Griechische Mythologie. Quellen und Deutung«.
2     Barthes (1988): »Fragmente eine Sprache der Liebe«, Übersetzung vom Französischen ins Deutsche: Henschen.
3     Kortländer (1991): »Poesie und Lüge. Zur Liebeslyrik des ›Buchs der Lieder‹ «, in »Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile«, herausgegeben von Gerhard Höhn.


12. Mai 2026

» ›Besaß auch in Spanien manch' luftiges Schloss‹ Spanien in Heinrich Heines Werk« von Anne Maximiliane Jäger


So geheißen ist die Brücke,
Die von Frankreich führt nach Spanien.
Zögernd, fast verzagt, verließ ich
Den geweihten Boden Frankreichs.
(Atta Troll, Caput XI)

Warum Spanien? Im Vergleich zu Frankreich sei es um tausend Jahre zurück, sagt Heine im »Atta Troll«. Er sagt es 1842, minus 1000 Jahre: wir befinden uns im 9. Jahrhundert. In Spanien hatte Karl, genannt der Große, Krieg geführt und dabei seinen Neffen verloren, Roland. Er verlor ihn genau dort1, wo der »Atta Troll« spielt. Oder umgedreht? Heine lässt den »Atta Troll« dort spielen und sterben, genau dort, wo der »Roland« spielt und stirbt2. Der »Roland« bedeutete Heine viel, vielleicht noch mehr als Roland dem historischen Karl bedeutete. Das historische Spanien, lerne ich von Anne Maximiliane Jäger3, bedeutete Heine, der nie selbst dort war, vor allem Kulisse. Mächtige und bildgewaltige Kulisse. Die Inquisition kann hier auftreten, vor allem aber das, wonach sie vergeblich sucht — Hexen, Geister und Magie! Wie Magie erschien mir auch, dieses Buch von Anne Maximiliane Jäger zu finden, ein Buch, das mir Heines Spanien erklärt. Ist das nun mein Bild von Spanien? Nein, aber mein Bild von Heine. Mein Atta Troll.

1     Heine (1985): »Sämtliche Werke« Band 4 (Düsseldorfer Ausgabe/ Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, herausgegeben von Winfried Woesler u.a. — bereits im Blog vorgestellt).
2     Immermann (1822): »Das Tal von Roncevall« — kann online gelesen werden.
3     Jäger (1993): » ›Besaß auch in Spanien manch' luftiges Schloss‹ Spanien in Heinrich Heines Werk«.


5. Mai 2026

» ›Chiffre, Hieroglyphe‹ Vorformen tiefenhermeneutischer und intertextueller Interpretation im Werk Heines« von Norbert Altenhofer


Ist er wirklich ein Verstorb'ner?
Manchmal röchelt er unheimlich,
Öffnet weiter noch die Augen,
Wie aus Todesschlaf erwachend.
(Atta Troll, Caput XXI)

Worte helfen nicht weiter, Tatsachen schon. Tatsache eins: es hat einen Menschen gegeben, den die Welt Heine nennt und der schon gestorben ist, 1856. Den Menschen, den die Welt Lao Zi nennt, hat es zum Beispiel gar nicht gegeben, vielleicht1. Nächste Tatsache: es hat eine Idee gegeben, in Europa, Romantik genannt, eine Folge vom Ende der katholischen Kirchenherrschaft2. Norbert Altenhofers Text3 lehrt mich, dass Heine mit Romantik etwas anderes gemeint hat, auch eine Idee, aber eine von jedem Christentum unabhängige. Weiter lerne ich, dass Heine die Methoden der Bibel-Deutung auf alle anderen Bücher anwendete, dass er sogar das Theater deutete. Nun, dass das Publikum das Wichtigste ist, das wusste ich schon. Was alle wissen: Theater wirkt manchmal wie eine ägyptische Hieroglyphe, unverständlich, tot, halb-interessant. Warum passiert das? Ich weiß es! Es passiert, wenn die Menschen, die Theater spielen, vorher gar nicht erst versuchen, den Menschen zu verstehen, dessen Werk sie gerade auf die Bühne bringen. Es gibt ihn, er ist da und wartet. Nicht nur Papier ist geduldig.

1     Lao Zi (2011) » ›Lao Zi (Laotse)‹. Der Urtext«, übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Kubin, in Band 8 von Wolfgang Kubins immer kunstvoll eingeleiteter Reihe »Klassiker des Chinesischen Denkens«.
2     Richard Benz (1986): »Die romantische Geistesbewegung«, in Band 8 der von Golo Mann herausgegebenen »Propyläen Weltgeschichte«.
3     Norbert Altenhofer (1991): » ›Chiffre, Hieroglyphe‹ Vorformen tiefenhermeneutischer und intertextueller Interpretation im Werk Heines«, in »Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile«, herausgegeben von Gerhard Höhn.


28. April 2026

» ›Phantastisch zwecklos‹ Programm und Praxis der ästhetischen Autonomie in Heinrich Heines  Atta Troll. Ein Sommernachtstraum (1843/1847)« von Achim Aurnhammer


„Einen Regenschirm, ich gäb' ein
König-, ja, ein Kaiserreich
Jetzt für einen Regenschirm!”,
Rief ich und das Wasser troff.
(Atta Troll, Caput XXI)

Welche Szene! Kampfgetümmel, Schlachtfeld. Auftritt: der König, schwitzend. Nicht vom Schwertkampf! Als er brüllt A horse! a horse! my kingdom for a horse!, hat der König schon fünf Akte gespielt, beinah. Solche und so viele andere Szenen ruft Achim Aurnhammers Text1 in uns wach, dass nicht nur der »Sommernachtstraum« lebendiger wird, auch »Atta Troll« wird greifbarer. Einzig am Schluss mag ich der Schulssfolgerung nicht folgen, alles in »Atta Trol.Ein Sommernachtstraum« wäre so unauflösbar. Achim Aurnhammers Text beweist ja, dass Auf-Lösung, also Ana-Lyse, möglich ist. Ja, notwendig ist sie, weil ein Vers-Epos weiterentwickelt werden muss2, wenn es lebendig bleiben soll, von folgenden Generationen. Dafür braucht es Analyse. Am Ende der großen Szene brüllt der König wieder, gleicher Wortlaut, A horse! a horse! my kingdom for a horse! und tritt ab. Er ruft es zweimal, wie in Heines Sommernachtstraum. Bei Shakespeare3 folgt Tod, bei Heine derjenige Traum im Traum, der den Schlüssel verborgen hält zur Freiheit. Es ist die Freiheit der Kunst.

1     Aurnhammer (2011): » ›Phantastisch zwecklos‹ Programm und Praxis der ästhetischen Autonomie in Heinrich Heines Atta Troll. Ein Sommernachtstraum (1843/1847)«, in »Heinrich Heine: neue Lektüren« herausgegeben von Werner Frick.
2     Heine (1844): Brief an seinen Verleger Julis Campe, abrufbar vom Heine-Protal.
3     Shakespeare (1993): »The Life and Death of Richard the Third«, Ausgabe von Jeremy Hylton beim Massachusetts Institute of Technology, hier online abrufbar.


21. April 2026

»Abgesang auf die Geschichte?Heines jüdisch-poetische Hegelrezeption« von Klaus Briegleb


Das alte Geschlecht der Heuchelei
Verschwindet, Gott sei Dank!, heut.
Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt
An seiner Lügenkrankheit
(Wintermärchen, Caput XXVII)

Ein Leben ohne Heuchlerei? Es ist möglich, wenn die eigenen Rechte nicht verdorren. Klaus Briegleb1 zu lesen ist ein Segen. Ein Segen allein schon seine Sicht aufs immer präsente Theater in Heines Schriften. Ein Segen die Betonung aufs Jüdische, was alles ändert. Wirklich ein Segen, schon am Anfang meiner Heine-Reise seine Gedanken2 gefunden zu haben bzw. von ihnen gefunden worden zu sein. Ich webe hinein den dreifachen Segen in ein Kostüm einfacher Sprache. Sie spricht einfach, zu allen. Nicht zu einfach3. So viel muss gesagt werden: einfach lesen sich Klaus Brieglebs Texte nicht. Eher zweifach, x-fach, ehe ich alles verstehe. Wer endlich sich selbst versteht, braucht nicht mehr heucheln. Wie der Theater spielende Mensch, der die Rolle versteht, nicht mehr Gefühle der Rolle heucheln muss. Sie kommen von selbst. Dem Menschen, der sein Menschenrecht kennt und dafür kämpft, kommen im Kampf nämlich sogar die geheuchelten Gefühle nur noch von selbst, als Spiel. Als Ironie.

1     Briegleb (1987): »Abgesang auf die Geschichte?Heines jüdisch-poetische Hegelrezeption« (in »Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile«, 1991 herausgegeben von Gerhard Höhn.
2     Heine (1971): »Sämtliche Schriften« Band 4 (herausgegeben von Klaus Briegleb; bereits im Blog vorgestellt).
3     Eke (2020): »Popularisierung der Form. Volkstümlichkeit als Medium im Vormärz« (ebenfalls, und zwar vor einer Woche, vorgestellt; abgedruckt in »Medien öffentlicher Rede nach Heine zwischen Popularität und Populismus«, Beiheft zur »Zeitschrift für Deutsche Philologie«).


14. April 2026

»Popularisierung der Form. Volkstümlichkeit als Medium im Vormärz« von Norbert Otto Eke


Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben.
Sind gefährlicher noch als die
Von Hoffmann von Fallersleben!
(Wintermärchen, Caput II)

Hoffmann von Fallerslebens Deutschland, Deutschland über Alles sollte sich als viel gefährlicher erweisen als alle Verse von Heinrich Heine. Einfachheit siegt und ein Sieg kann die größte Katastrophe herbeiführen. Aus Norbert Otto Ekes Text1 lerne ich, dass die politschen Künstler, über die sich Heine in »Atta Troll. Ein Sommernachtstraum« so genial lustig macht, nicht nur politisch dichteten, sie traten auch mit ihren Liedern auf. Vortragsabende, Tourneen, eigentlich Theater-Agitation. Der beste unter ihnen ging nach Paris, schrieb nur und ging dem Volk dennoch ins Ohr2. Aufgetreten sind für ihn später andere3, denn er war auch Theaterdichter, primär aber war er Künstler und nicht Agitator! Liberté, Égalité, Fraternité ist einfach genial. Genial einfach dagegen das doppelte und in Einigkeit und Recht und Freiheit. Dass demselben tollen Künstler zugleich Deutschland über Alles gehen konnte, beweist: zu einfach ist eben auch nicht gut.

1     Eke (2020): »Popularisierung der Form. Volkstümlichkeit als Medium im Vormärz« (in »Medien öffentlicher Rede nach Heine zwischen Popularität und Populismus«, Beiheft zur »Zeitschrift für Deutsche Philologie«).
2     Peters (1997): »Die Wunde Heine. Zur Geschichte des Heine-Bildes in Deutschland« (vor Kurzem im Blog vorgestellt).
3     Esche (1997): »Eberhard Esche spricht Heinrich Heine ›Deutschland. Ein Wintermärchen‹; « (CD).


7. April 2026

» ›Es träumte mir von einer Sommernacht‹ Heines (letztes) Gedicht« von Wolfram Groddeck


Traum der Sommernacht! Phantastisch,
Zwecklos ist mein Lied, ja, zwecklos
Wie die Liebe, wie das Leben,
Wie der Schöpfer samt der Schöpfung.
(Atta Troll, Caput III)

Hat der Tod einen Zweck? Vieleicht diesen: das Leben erst zu ermöglichen durch Begrenzung. Nach den Regeln das Spiel, das freie. Die Kunst, die keinem Zweck unterworfen ist, wird manchmal vom Leben selbst erschaffen — eingentlich oft, doch wir merken1 es nicht. Ein Beispiel schwarz auf weiß ist in Wolfram Groddecks Text2 zu entdecken. Ein Musterbeispiel dafür, was Heine-Forschung kann, nämlich beweisen, dass schier Unglaubliches so ist und nicht anders. Worum geht es? Um einen Traum, den Heine — ich wage, mich festzulegen — wirklich geträumt haben muss. Heinrich Heine ist für Buch und Bühne gelungen, was später Heiner Müller forderte3: künstlerisch das Level der eigenen Träume zu erreichen. Der Witz: die beste Stelle dieses Traum-Gedichts, — ,ist verloren, die Heine-Forschung kennt es jedoch in französischer Übersetzung. Allein der Gedanke ist erhalten und die Gedanken sind und bleiben frei.

1     Martin Buber (1999) »Das dialogische Prinzip«.
2     Wolfram Groddek (1997): » ›Es träumte mir von einer Sommernacht‹ Heines (letztes) Gedicht« (abgedruckt in »Das Jerusalemer Heine-Symposium«, herausgegeben von Klaus Briegleb und Itta Shedletzky).
3     André Müller (1998) »Über die Fragen hinaus. Gespräche mit Schriftstellern«.


31. März 2026

»Überlegungen zur Poetik des Witzes« von Stéphane Mosès (aus dem Französischen übersetzt von Jens Mattern)


Als Laskaro solchermaßen
Öffentlich sich rühmen hörte,
Lachte er vergnügt im Barte
Und errötete vor Freude.
(Atta Troll, Caput XXV)

Kennen Sie den schon? Ich meine Heinrich Heine. Seinen Witz besser kennen und verstehen zu lernen, dazu verhilft uns Stéphane Mosès mit seinem Vortrag beim Jerusalemer Heine-Symposium, in die Deutsche Sprache übermittelt von Jens Mattern1. Ein romantischer Witz ist es, ein jüdischer Witz und am Ende vor allem der esprit dieses einzelnen Menschen H. Heine. Für jeden einzelnen Menschen, für uns alle, ist Kenne Dich selbst! der Orakelspruch. Was dabei hilft? Große Geister kennenlernen, Heine ist einer von Ihnen. Wie können wir ihn, den Menschen, kennen? Zwei Heine-Biografen2 geben den entscheidenden Hinweis: er hat es selbst gesagt. Man findet das Leben der Künstler ganz einfach in ihren Werken. »Deutschland. Ein Wintermärchen« zum Beispiel, in knapp drei Wochen wieder zu erleben als vollständige Theateraufführung. Vollständig, weil das Werk als Ganzes noch so wenig bekannt ist. Als Theateraufführung, weil's — wie ein guter Witz — im Buch nur halb so viel Freude macht wie in der gelungenen Performance. Der Sinn der Welt, erkannte ein anderer Großer Geist, ein Physiker3, liegt darin, angeschaut zu werden. Von einem Zuschauer zum anderen fragen wir dann: kennen Sie den schon?

1     Stéphane Mosès (1997): »Überlegungen zur Poetik des Witzes« (aus dem Französischen von Jens Mattern, abgedruckt in »Das Jerusalemer Heine-Symposium«, herausgegeben von Klaus Briegleb und Itta Shedletzky).
2     Jan-Christoph Hauschild, Michael Werner (1997) » ›Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst‹ Heinrich Heine, eine Biographie« (in einem früheren Blog-Eintrag vorgestellt).
3     Magdalena Gronau, Martin Gronau (2024): »Quantenphysiker auf Abwegen. Erwin Schrödingers Kanonlektüren als konstitutiver Bestandteil seiner wissenschaftlich-publizistischen Tätigkeit« (in »Physiker lesen, Physiker schreiben. Wissen der Literatur und humanistische Bildung in der modernen Physik«, herausgegeben von Michael Gamper und Lukas Wolff).


24. März 2026

»Die Wunde Heine. Zur Geschichte des Heine-Bildes in Deutschland« von Paul Peters


Dummheit und Bosheit buhlten hier
Gleich Hunden auf offener Gasse.
Die Enkelbrut erkennt man noch heut.
An ihrem Judenhasse.
(Wintermärchen, Caput IV)

Was für ein Buch! Welche Schneisen schlägt es, breit und gut befahrbar bis ins Jahr 1844, Geburtsjahr von »Deutschland. Ein Wintermärchen«. Nicht Bertolt Brecht, Heinrich Heine ist der klassische Dichter der proletarischen Bewegung in Deutschland, lerne ich von Paul Peters1. Denn in diesem Jahr 1844 entschied sich Heine, für ein breites Publikum zu singen, allgemein verständlich und politisch. Zweitens lerne ich: sie haben es nicht verstanden, die marxistischen Geister seit Franz Mehring. Verstanden haben es die Nationalen. Sie erkannten die Kraft des Dichters und griffen ihn als Juden an. Dem stellten sich auch frühe Sozialdemokraten nicht entgegen, August Bebel etwa, der größte Redner2, der im Reichstag Heines Verse sang. Das traurigste und letze Kapitel des Heine-Vergessens ist, dass sogar jüdische Geistesgrößen wie Walter Benjamin und später Theodor Wiesengrund Adorno3 die Größe des Dichters Heines nicht mehr erkannten. So sehr war ihnen sein Angesicht verstellt. Es wieder, und zwar in voller Pracht, leuchten zu lassen, ist Aufgabe jeder Aufführung von »Deutschland. Ein Wintermärchen«.

1     Peters (1997): »Die Wunde Heine. Zur Geschichte des Heine-Bildes in Deutschland«
2     Alejchem (1919): »Die erste jüdische Republik«, aus dem Jiddischen übersetzt von Stefania Goldenring
3     Adorno (1956): »Die Wunde Heine«


17. März 2026

»Freud Reads Heine Reads Freud« von Sander L. Gilman


Ihre Blicke sind ein süßes
Strahlennetz, in dessen Maschen
Unser Herz, gleich einem Fischlein
Sich verfängt und zärtlich zappelt.
(Atta Troll, Caput I)

Enter Sieglinde Freud. Wenn es so einfach wäre! Natürlich: würde man Sander L. Gilmans Text1 zur Aufführung bringen, natürlich könnte der große Wiener Arzt auch von einer Schauspielerin verkörpert werden. Doch was wäre dadurch gewonnen? Einem Menschen wie Freud seinen schwersten Fehler zu nehmen, das ist undramatisch, nein! Da erhöbe selbst Euripides2 Einspruch. Von Sander L. Gilman lerne ich, dass Freud auf Juden blickte wie er auf Frauen blickte, auf wissenschaftliche Objekte. Selbst Jude, lerne ich weiter, blickt Freud erst auf sich selbst und erblickt dann im Juden Heine seinen echten Dialogpartner. Er zitiert ihn wie Arendt Rahel zitiert, dialogisch3. Blicke werden getauscht, das Objekt wird Subjekt. Das gelingt Freud nur mit Heine, nur im Jüdischen, nicht als Mann. Dass das so ist, muss nicht verdeckt werden. Es darf nicht verdeckt werden, es muss sichtbar bleiben wie der Antisemitismus, der in jeder unkritischen Nathan-Inszenierung steckt4. Und Heine? Der so schön von der Liebe spricht? Sein Blick? Ich müsste mit Billy Wilder antworten: nobody's perfect.

1     Gilman (1992): »Freud Reads Heine Reads Freud« (in »The Jewish Reception of Heinrich Heine«, ediert von Gelber)
2     Aristoteles (1859): »Rhetorica Et Poetica«, ediert von Bekker
3     Arendt (2021): »Rahel Varnhagen. The Life of a Jewess«, ediert von Hahn, als digitale Edition vollständig online.
4     Barner (1985): »Vorurteil, Empirie, Rettung. Der junge Lessing und die Juden« (in »Juden und Judentum in der Literatur«, ediert von Strauss und Hoffmann)


10. März 2026

»Heine der Dichter« von Werner Kraft


Du bist mein Liebling jetzt, es hängt
Dein Bildnis zu Häupten des Bettes
Und, siest du, ein frischer Lorbeer umkränzt
Den Rahmen des holden Portraittes.
(Wintermärchen, Caput XXIV)

Wie leicht ist ein Reim gemacht, wie unbedacht. Werner Kraft kennt sich aus, keine Frage, sein Buch1 strozt von funkeld poetischen Mächten und geht doch an mir vorbei. Spricht es zu mir? Ja, es sagt: lese weiter, du hast mich durchlesen, lies mich noch einmal. Ich kenne den Ton, hörte ihn schon2, will ihm auch immer willfahren, allein: Zeit ist Geld, der Bühnenkünstler ist kein Vollzeitgermanist. Metrik, Reime, poetische Kraft: mir ist's alles bewusst, wenn ich das »Wintermärchen« oder der »Sommernachtstraum« aufführe. Nur ist bei Dichtung als Bühnensprache immer Luft nach oben. So bleibt nur das alte Lied: spielen, spielen, besser spielen. Beim Bessermachen helfen Bücher wie dieses. Wer sie sie gelesen hat weiß, dass der Weg ein weiter ist, das Ende immer bitter und jeder Schritt ein Grund, Danke zu sagen für die Reise, dem Ewigen3. Danke.

1     Kraft (1983): »Heine der Dichter« (»edition text + kritik«)
2     Briegleb (1997): »Heinrich Heine, jüdischer Schriftsteller in der Moderne«
3     Francesco d'Assisi (1225): »Il Cantico delle creature« (übersetzt und 1922 herausgegeben von Hans Feist und Leonello Vincenti in »Frühe Italienische Dichtung«, digitalisiert beim Warburg-Insitut abzurufen; Seite 12-15 im Buch)


3. März 2026

»Ludwig Börne und Heinrich Heine, Ein deutsches Zerwürfnis« von Bearbeiter Hans Magnus Enzensberger


Traum der Sommernacht! Phantastisch,
Zwecklos ist mein Lied, ja zwecklos
Wie die Liebe, wie das Leben,
Wie der Schöpfer samt der Schöpfung.
(Atta Troll, Caput III)

Zum Streit gehören zwei, die das Buch1 auch beide zu Wort kommen lässt. Doch streiten sie miteinander? Streiten sie nicht oft aneinander vorbei? Börne war (würde man heute sagen) Aktivist, Heine Dichter der Revolution. Ein Künstler, ein Politiker. Von allen Äußerungen Börnes über Heine und umgekehrt — Hans Magnus Enzensberger gibt alle wieder — bringt eine das Problem auf den Punkt. In einem Brief an Rahel und August Varnhagen schreibt Heine... er ist viel besser als ich, viel größer — aber nicht so großartig. Die Urteile dritter nimmt Hans Magnus Enzensberger ebefalls mit auf. Mein Urteil? Zu einem Streit gehören eigentlich mehr als zwei. Ein umfassendes Urteil wäre nicht in einem blog post zu fassen, es müsste schon ein Drama sein: die Bühnenbearbeitung von Heines Börnebuch2, angereichert um die Stimme Börnes sowie die Stimmen der Zeit und der Nachwelt. Ja, Schuster, bleib bei deinem Leisten! Im kommenden Frühjahr spiele ich wieder Heines anderes Meisterwerk neben «Deutschland. Ein Wintermärchen», «Atta Troll. Ein Sommernachtstraum»3. Atta Troll, die Fabel-Figur, hat viel von Börne abbekommen.

1     Enzensberger (1986): »Ludwig Börne und Heinrich Heine, Ein deutsches Zerwürfnis« (als editorischer Bearbeiter, selbst wenig kommentierend)
2     Heine (1971): »Sämtliche Schriften« Band 4 (herausgegeben von Klaus Briegleb mit erhellenden Kommentaren zu Börne und der Vers-Epik — bereits in einem früheren Blog-Beitrag besprochen)
3     Heine (1985): »Sämtliche Werke« Band 4 (Düsseldorfer Ausgabe/ Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, herausgegeben von Winfried Woesler u.a. — ebenfalls bereits vorgestellt)


24. Februar 2026

»Heine und Büchner. Zwei Strategien revolutionär-demokratischer Literatur um 1835« von Henri Poschmann


O, Danton, du hast dich sehr geirrt
Und musstest den Fehler büßen
Mitnehmen kann man das Vaterland
An den Sohlen, an den Füßen.
(Wintermärchen, Caput XIX)

Merci Henri Poschmann, aber auch: non, merci! In Kooperation mit dem Centre National de la Recherche Scientifique entstand der Sammelband 1979 und das Vorwort schrieb kein Menschen, sondern das Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Der Text selbst1 ist, wie gesagt, von Henri Poschmann, der ein wirklich großer Büchner-Forscher2 ist. Weil Georg Büchner wirklich ein großer Dramatiker3 ist, bin ich dem Autor des Textes dankbar: wusste ich denn vorher, dass die geheime Hauptfigur in Büchners Drama »Dantons Tod« der Revolutionär Heinrich Heine ist? Danke außerdem für den einzigartigen Ausflug in die Zeit um 1835! Non, merci, muss ich nur rufen, wenn Büchner zu einer Art höherer Entwicklungsstufe von politischer Kunst verklärt wird, auf der der Mensch ganz dem Kollektiv Platz macht — 1979 hat das Zentralinstitut das leider so gesehen. Umso erstaunlicher, dass im selben Jahr die fantastische 27-bändige Paris/Weimarer Gesamtausgabe von Heinrich Heine begonnen wurde4, wieder zusammen mit dem Centre National. Team spirit.

1     Poschmann (1979): »Heine und Büchner. Zwei Strategien revolutionär-demokratischer Literatur um 1835« in »Heinrich Heine und die Zeitgenossen«
2     Poschmann (1983): »Georg Büchner. Dichtung der Revolution und Revolution der Dichtung«
3     Büchner (2008) »Woyzeck«, mit einem Kommentar von Henri Poschmann
4     Heine (1979) »Gedichte 1812-1827« (Säkularausgabe Band 13, bearbeitet von Hans Böhm)


17. Februar 2026

» ›Überall nur Personen‹ Heinrich Heines Kritik am Personenkult« von Marco Rispoli


Vergeblich suchte ich überall
Den krummen Adonis, der Tassen
Und Nachtgeschirr von Porzellan
Feilbot in Hamburgs Gassen.
(Wintermärchen, Caput XXII)

Der größte aller Dichter? Shakespeare. Das größte aller Dramen: die heutige Zeit, in der wir Menschen leben. Diese eiden Urteile Heinrich Heines kann man nachlesen, das erste in seinem Shakespeare-Buch1, das zweite in Marco Rispolis Text über falschen Starkult und echte Würde des Menschen2. Nun ist Shakespeare noch mehr Mensch des Theaters gewesen als Mensch der Dichtung. Jeder Mensch, der sich der Kunst verschreibt, zumal der Bühnenkunst, weiß um Größe, Ruhm und die oft ungerechte Verteilung des Lorbeer, nur: wir bleiben alle bloß Menschen. Menschen aber sind keiner allgemeinen Idee zu opfern3. Damit das nie (wieder) geschehe, muss das Publikum die allgemeinen Ideen erkennen. Die allgemeinen Ideen müssen im Bewusstsein der Menschen auch dann lebendig bleiben, wenn ein Star auftritt und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Allein dadurch bleiben wir alle miteinander Menschen. Diese Kritik am Personenkult beschreibt Marco Rispoli und trägt dadurch Heines Stimme ins Heute, eine Stimme, die ruft: misstraut der Inszenierung! Und habt Verständnis, denn: Stars werden nunmal gemacht.

1     Heine (1839): »Shakspeares Mädchen und Frauen« vom Heinrich-Heine-Portal online bereit gestellt
2     Rispoli (2020): » ›Überall nur Personen‹ Heinrich Heines Kritik am Personenkult« (in »Medien öffentlicher Rede nach Heine zwischen Popularität und Populismus«, Beiheft zur »Zeitschrift für Deutsche Philologie«)
3     Weigel (1999) » ›Das Wort wird Fleisch und das Fleisch blutet.‹ Heines Reflexion der Menschenrechte im Buch Gottes und in der Weltgeschichte « (in »Heinrich Heine. Neue Wege der Forschung«, herausgegeben von Christian Liedtke), bespreche ich am kommenden Dienstag


10. Februar 2026

» ›Auch meine Gedanken sind exilirt, exilirt in eine fremde Sprache.‹ Heinrich Heines ‚Werke in französischer Sprache‘ zwischen Selbstübersetzung, Fremdübersetzung und interlingualem rewriting« von Dirk Weissmann


Dass ich keine reine Jungfrau bin,
Die Franzosen wissen es besser.
Sie haben mit meinem Wasser so oft
Vermischt ihr Siegesgewässer.
(Wintermärchen, Caput V)

Et voilà: er hat mich überzeugt. Die französische Version «Germania. Conte d'hiver» gehört eigentlich nicht in den Anhang von «Deutschland. Ein Wintermärchen», wie die (sonst formidable) Düsseldorfer Heine-Ausgabe1 es macht. Nein, das Conte d'hiver, geschrieben von Henri Heine, ist ein eigenständiges Werk und sollte auch so behandelt werden — die (ebenfalls herrliche) Paris-/Weimarer Heine-Ausgabe2 macht es hier besser. Warum? Nun, Heine war nicht, nicht im engeren Sinne, zweisprachig und das Wintermärchen durchaus ein Original, verglichen mit seiner später entstandenen französischen Übersetzung. Doch Henri Heine zielte, anders als Heinrich, auf den französischen Markt. Alle seine französichen Texte — so lernen wir aus Dirk Weissmanns Aufsatz3 — entstanden unter Mitwirkung anderer, aber letztlich unter Heines alleiniger Autorschaft. Es steht fest, dass Heine auf Französisch dachte, auf Französisch träumte und premièrement französisch schrieb: «Deutschland. Ein Wintermärchen» nicht, Lyrik generell nicht... und doch: sie existiert doch! Die Stimme Henri Heines spricht zum französischen Publikum. Neue Übersetzungen und Bühnenbearbeitungen tun not, müssen die » Germania «, dieses zweite Original, jedoch würdigen, will man dem Kultur-Vermittler par excellence gerecht werden. Er hat etwas zu sagen, allen Menschen.

1     Heine (1985): »Sämtliche Werke« Band 4 (Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, herausgegeben von Winfried Woesler u.a.), bereits vorgestellt im Blog vom 10. Januar
2     Heine (1978): »Poëmes et Légendes« (Säkularausgabe Band 13, bearbeitet von Pierre Grappin)
3     Weissmann (2020) » ›Auch meine Gedanken sind exilirt, exilirt in eine fremde Sprache.‹ Heinrich Heines ‚Werke in französischer Sprache‘ zwischen Selbstübersetzung, Fremdübersetzung und interlingualem rewriting« (in Band 39 von »LiteraturForschung«, herausgegeben von Stefan Willer und Andreas Keller), durch die Goethe-Universität online kostenfrei zugänglich


3. Februar 2026

»Heinrich Heine: ›Briefwechsel 1815—1856‹ Register« von Redakteurin Felicitas Marwinski


Die alte Karschin ist gleichfalls tot.
Auch die Tochter ist tot, die Klencke.
Helmine Chezy, die Enkelin,
Ist noch am Leben. Ich denke.
(Wintermärchen, Caput XVI)

So lebendig, dabei sind sie ja alle schon tot, von A wie Abarbanel — portugiesischer Gelehrter und Staatsmann des 15. Jahrhunderts — bis Z wie Zychlinski — Mutter von Heines gleichnamigen Sekretär. Meine eigene Mutter las zu Lebzeiten gern in Lexika, Wörterbüchern, Büchern wie diesem Register1 von Felicitas Marwinski, das alle Menschen enthält, die in allen uns bekannten Briefen von Heinrich Heine (und an Heinrich Heine) erscheinen und die heute, 2026, naturgemäß alle nicht mehr leben. Doch so lebendig ist mein Erlebnis, ihnen hier zu begegnen, der Dichterin Helmine von Chezy etwa, die zusammen mit ihrer Großmutter und ihrer Mutter, den Dichterinnen Anna Luise Karsch und Karoline Luise von Klencke, im Wintermärchen verewigt steht. Helmine Chezy treffe ich nicht bloß (wie ihre Mutter und Großmutter) im Register, ein Brief von ihr ist im Anhang zu lesen, wo die von der Forschung neu gefundenen Briefe gesammelt und kommentiert sind. Im Kommentar lerne ich, dass ihr Nachtigallengruß an Heine beider Standard-Abschiedsformel in Briefen ist. Schön. Lehrreich auch ein weiteres A—Z, das alle Autor*innen und Werke nennt, die je erwähnt werden und die Heine also gelesen hat. Meiner Mutter hätte das Buch gefallen, so still und fleißig ist hier alles zusammengetragen, man muss die Briefe2 nicht einmal gelesen haben, um zu staunen über diese Welt, dieses Netzwerk, diese vielen ehemals lebenden Menschen. Man wandert ehrfürchtig durchs Alphabet3.

1     Heine (1984): »Briefwechsel 1815—1856. Register« (Säkularausgabe Band 20—27 R, redigiert von Felicitas Marwinski)
2     Heine (1970—1980): »Briefwechsel 1815—1856« (Säkularausgabe Bände 20 bis 27, bearbeitet von Christa Stöcker)
3     Selbst die Suchfunktion im digitalen Heine-Portal kommt hier nicht heran. Das liegt nicht nur an der digitalen Unmöglichkeit, den lesenden Blick zu alphabetisch benachbarten Einträgen schweifen zu lassen. Felicitas Marwinski registriert sogar Stellen, an denen Personen nicht genannt, aber doch gemeint sind: echt bibliothekarisch und in dieser Hinsicht unerreicht. Zum Glück ist auch ihr Personenregister digitalisiert (hier), ihr Register der Autor*innen leider nicht. Dafür gibt es seit 1984 wieder neue Briefe, veröffentlicht im Heinrich-Heine-Portal.


27. Januar 2026

» ›Schluß mit Heinrich Heine!‹ Der Dichter und sein Werk im nationalsozialistischen Deutschland« von Hartmut Steinecke


Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.
(Wintermärchen, Caput XXIV)

Holocaust-Gedenktag und das Buch ist nicht da: die Landesbibliothek hat es nicht, die Staatsbibliothek hat es nur auf Bestellung, also hier, 5. Stock, Bereich A, Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität, neben vollen Goethe-Regalen ein wenig Heine (ihr Hass auf Juden verbindet Goethe mit den Brüdern Grimm und Humboldt — sie verbindet mehr, doch heute sei es erwähnt). Was lernen wir von Hartmut Steinecke? 1933, als jüdische Bücher verbrannt werden, ist Heinrich Heine eher nicht unter den Autoren, vielmehr schonen die Organisatoren ihn, denn sein Name ist im Ausland zu hoch angesehen. Auch offiziell verboten wird er nicht. Sogar das NS-Liederbuch, das Ich weiß nicht, was soll es bedeuten mit „Dichter unbekannt” angibt, existiert nicht, sagt die Heine-Forschung. Wie bitte? Nun ja, es ist schon alles richtig, doch wenn Thomas Mann sagt, Heine wird verbrannt, dann meint er Heine als Symbol für die deutsch-jüdische Kultur. Die Nazi-Kulturpolitiker verbieten den Autor zwar offiziell nicht, doch sie schweigen ihn tot, üben Druck aus, auf Verlage und Büchereien. In schönen Liedern, von Robert Schumann zum Beispiel, stört Heinrich Heine als Dichter. Jedoch erkennt man durchaus, dass ein „Dichter unbekannt” lächerlich wäre, der Autor ist berühmt! Manch einer wünscht sich zwar neue, „arische” Texte für die Melodien, doch selbst da sieht die Politik ein, dass sie nur verlieren kann: Heine ist künstlerisch nicht zu erreichen und verboten werden schließlich die neuen, „arischen” Texte der Lieder von Robert Schumann. Hartmut Steinecke fragt noch: gibt es denn offene Bekenntnisse zu Heine, vom Staatsdichter Gerhart Hauptmann etwa? Nein. Nur eins erlaubt der Rassismus: dass sich Juden mit dem jüdischen deutschen Dichter beschäftigen, so der Wissenschaftler Erich Loewenthal in einem Buch von 19372. Loewenthal wird später — wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen3 — in Auschwitz ermordet.

1     Steinecke (2008): » ›Schluß mit Heinrich Heine!‹ Der Dichter und sein Werk im nationalsozialisitschen Deutschland« (Heine-Jahrbuch 2008)
2     Heine (1937): »Der Rabbi von Bacherach: Ein Fragment« mit den dazugehörigen Briefen Heines und einem Nachwort, herausgegeben von Erich Loewenthal
3     Heine (1823): »Almansor. Eine Tragödie«


20. Januar 2026

»Heinrich Heine: ›Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werle‹ Band 4« von Redakteur*innen Christiane Giesen, Jan-Christoph Hauschild und Marianne Tilch, Bearbeiter Winfried Woesler und Hauptherausgeber Manfred Windfuhr


Wir hätten einen Nero jetzt
Statt Landesfürsten im Dutzend,
Wir schnitten uns die Adern auf,
Den Schergen der Knechtschaft trutzend.
(Wintermärchen, Caput XI)

Ein Schauspieler, der nicht versteht was er sagt, muss Gefühl heucheln oder ist zurückgeworfen auf Leere, ehrliches Nichts, Klang der Worte und ihren Rhythmus bestenfalls. Bei Heine, wie bei Shakespeare, genügt selbst das für eine imposante Darbietung, doch bewegender fürs Publikum ist Verstehen. Damit Verstehen möglich wird, braucht es für Shakespeares Wintermärchen (“The Winter's Tale”) eine gute Übersetzung1, für Heines Wintermärchen Band 4 der Düsseldorfer Heineausgabe. Diesen König aller Kommentare2 nannte ich — ziemlich despektierlich — einen Ziegelstein als ich ihn erstmals erwähnte: im Blog vergangener Woche und damit viel zu spät, ist er doch der Anfang aller Weisheit! Nirgend sonst wird das Wintermärchen so ausgiebig erklärt. Die französische Überstzung von Edouard Grenier und Richard Reinhardt ist mit abgedruckt, die Heine selbst als Autor überwacht hat und die er im Ergebnis dennoch enttäusched fand: « Germania. Conte d'hiver » verlor zu viel an Witz, urteilte er. Witz kommt von Wissen, weiß das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, deshalb: wer weiß? Vielleicht kann Bühnenkunst, die geschriebene Texte in gesprochenes Wort übersetzt, irgendwann dem französischen Publikum verstehen helfen (Ohne die Witze zu erklären, versteht sich). Denn Übersetzen, so las ich heute per Zufall im Nachwort eines Übersetzers, der ein Buch zum Thema Übersetzen übersetzt hat4, soll ja vor allem eines: verstehen helfen.

1     Shakespeare (2006): »Das Wintermärchen« zweisprachige Ausgabe, übersetzt von Frank Günther
2     Heine (1985): »Sämtliche Werke« Band 4 (Düsseldorfer Ausgabe/ Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, herausgegeben von Winfried Woesler u.a.)
4     Eco (2006): »Quasi dasselbe mit anderen Worten: über das Übersetzen« von Umberto Eco, übersetzt von Burkhart Kroeber


13. Januar 2026

»Heinrich Heine: ›Sämtliche Schriften‹ Band 4« von Herausgeber Klaus Briegleb


Ich tauchte manchmal die Finger hinein
Und manchmal ist es geschehen,
Dass ich die Haustürpfosten bestrich
Mit Blut im vorübergehen.
(Wintermärchen, Caput VII)

Sich das Labyrinth, das jede Begegnung mit Heines Werk eröffnet, von Klaus Briegleb erklären zu lassen, hat einen großen Nachteil und zwei entscheidende Vorteile. Ich konnte es selbst erleben. Sein vierter Band1, dick wie ein Ziegelstein, konfrontierte mich 2018 — »Deutschland. Ein Wintermärchen« entstand gerade als ungekürzter Theaterabend — mit hunderten von Seiten wissenschaftlichem Kommentar, in winziger Schrift. Vorher hatte ich lediglich meinen hübschen Inselband2 gelesen, da gab es ein paar Erläuterungen, aber was war das? Später lernte ich, dass die Düsseldorfer Ausgabe3, auch ein Ziegelstein, noch viel detaillierter kommentiert, aber Klaus Briegleb geht eigenwillig vor: er legt einen roten Ariadnefaden durchs Labyrinth. Er zeigt Heine immer wieder als Meister verrätselter Selbstzensur und als entschieden jüdischen Dichter, so etwa hier (Beitrag für die Bundeszentrale für politsche Bildung) oder mit seinem (in diesem Blog schon eimal erwähnten) Buch zum Thema4. Das sind die beiden Stärken, die mich auch heute für ihn einnehmen. Und der Haken? Manchmal wird Kommentar zu Interpretation, der Faden lässt Teile des Labyrinths aus dem Blick geraten und ich frage: ist ihm wirklich ganz zu trauen? Doch wozu gibt es die kritische Heine-Forschung?

1     Heine (1971): »Sämtliche Schriften« Band 4 (herausgegeben von Klaus Briegleb)
2     Heine (1972): »Deutschland: ein Wintermärchen« (Mit 13 Holzstichen von Gerhard Kurt, Insel-Bücherei Nr. 973, nach der von Oskar Walzel herausgegebenen Ausgabe von 1912)
3     Heine (1985): »Sämtliche Werke« Band 4 (Düsseldorfer Ausgabe/ Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, herausgegeben von Winfried Woesler u.a.)«
4     Briegleb (1997): »Heinrich Heine, jüdischer Schriftsteller in der Moderne«


6. Januar 2026

» ›Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst‹ Heinrich Heine, eine Biographie« von Jan-Christoph Hauschild und Michael Werner


Von Köln bis Hagen kostet die Post
Jetzt fünf Taler, sechs Groschen, preußisch.
Die Postkutsche war leider besetzt
Und ich kam in die offene Bei-Chaise.
(Wintermärchen, Caput VIII)

Wie eine Fahrt in der ollen Scheese (berlinerisch), so ungemütlich muss sich die Berliner Recherche für beide Autoren angefühlt haben, bevor sie aus einer unfassbaren Menge Fakten ihre in nachtblaues Leinen gebundene Biographie1 geschrieben haben. Der Buchdeckel-Nachthimmel ist von einem silbernen Heine-Autogramm beleuchtet und eigentlich silbern ist auch der rote Faden dieser Lebenserzählung, denn im Zentrum steht immer wieder der Markt für Literatur, auf dem Heine sich bewegte, stehen seine Einkünfte als Berufsschriftsteller, seine Ausgaben, steht sein Lebenswandel. Die Zahlen faszinieren durchaus und sie erinnern mich an die ersten Seiten eines ganz anderen Meisterwerks2, sieben Jahre nach »Deutschland. Ein Wintermärchen«3 erschienen. Es beginnt mit einer fantastischen Zitatesammlung (wie bei Michael Werners und Jan Christoph Hauschild) und mit einem Lobgesang auf alle eitle Wissenschaft. Nun, fast alles ist eitel. And there is all the difference in the world between paying and being paid., weiß Melvilles Ishmael.

1     Hauschild, Werner (1997) » ›Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst‹ Heinrich Heine, eine Biographie« — das Inhaltsverzeichnis kann bei der Deutschen Nationalbibliothek heruntergeladen werden.
2     Melville (1851): »Moby-Dick; or, The Whale«
3     Heine (1844): »Deutschland. Ein Wintermärchen«


30. Dezember 2025

»Heine und der Kommunismus« von Leo Kreutzer


Ich weiß wohl was Saint-Just gesagt,
Weiland im Wohlfahrtsausschuss.
Man mache keine Revolution
Mit Rosenöl und Moschus.
(Wintermärchen, Caput XXVII)

Die Pointe des dünnen Bändchens ist schnell geliefert, doch das Drumherum ist beängstigend, betörend, ein Abgrund wie manche Stelle in »Deutschland«, wie das »Wintermärchen« ja im Übertitel heißt. An den radikalen Saint-Just denke ich beim Lesen der Widmung für Gottfried Just. Wer war dieser? Google/ Bing-Ecosia (letzten Endes: Wikipedia) kennt nur Günther Just, einen radikalen Kopf der sog. Rassenhygiene, NSDAP-Mitglied und Direktor eines entsprechenden Instituts der Universität Greifswald1, im Reichsgesundheitsamt federführend, zwei Söhne: Klaus Günther Just (1923-1977)2 und Gottfried Just (1938-1970), dem der Autor 1970(!) sein Buch3 widmet. Drei Literaturwissenschaftler, das Jahr 19684, ich bin kurz davor mich wieder abzuwenden (werde von Leo Kreuzners Lehrer Hans Mayer5 zurückgehalten). Natürlich verlockend die Ausführungen Leo Kreuzners zu den großen idiologischen Gegensätzen, die Frankreich auf der Straße ausgetragen hat, Deutschland auf den Theaterbühnen, wie er schreibt. Die Gegensätze, folgt man dem Autor, bestanden nicht so sehr zwischen dem jüdischen deutschen Dichter Heine und dem jüdischen deutschen Philosophen Marx, die sich 1844 in Paris begegnen (im selben Jahr erscheint »Deutschland. Ein Wintermärchen«), der entscheidende Gegensatz zeige sich im Programm des Frühkommunisten François Noël Babeuf (1760-1797, er starb — vielmehr: wurde hingerichtet — im von der Forschung vermuteten Geburtsjahr Heinrich Heines). Der nach ihm benannte Babouvismus forderte von der Kunst, dass sie immer und unmittelbar der politischen Sache zu dienen habe, was Heine naturgemäß ablehnte. Diese Kritik ist aktuell geblieben, schreibt Leo Kreuzner 1970. Sie ist es noch.

1     Die Universität Greifswald klärt deutlich ungeschönter über Justs Biographie auf als die deutsche Wikipedia: Die Beteiligung der Universität an Medizinverbrechen.
2     Just, Klaus Günther (1948): »Studien zum Ästhetizismus bei Stefan George und seinem Kreis«
3     Kreutzer (1970): »Heine und der Kommunismus«
4     Just, Gottfried (1968): »Ironie und Sentimentalität in den erzählenden Dichtungen Arthur Schnitzlers«
5     Mayer (1951): »Anmerkungen zu einem Gedicht von Heinrich Heine« (»Sinn und Form«, Heft 4)

23. Dezember 2025

» ›Heilige Schwelle‹ Der frühe Heine — ein jüdisch-christliches Itinerarium« von Raphaela Brüggenthies


Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal
Dein Anblick, armer Vetter,
Der du die Welt erlösen gewollt,
Du Narr, du Menschheitsretter!
(Wintermärchen, Caput XIII)

Was bitte ist ein Itinerarium, frage ich mein geliebtes altes Fremdwörterlexikon1, das zur Antwort wie immer eine Wortgeschichte mitliefert: Vermessung der Route von Forschungsreisen in noch nicht vermessenen Gebieten [ > lat. itinerarium ›zur Reise gehörig‹; zu iter ›Reise‹ ]. Erst jetzt, im Schreiben, verstehe ich: unerforschtes Terrain so präzise wie möglich beschreiben, Neuland, nämlich die Taufe des deutschen jüdischen (ab 1825 auch christlichen) Dichters Harry (ab 1825 Heinrich) Heine. Das war das Anliegen von Raphaela Brüggenthies (Ordensschwester der Benediktinerinnen), deren schönes Buch2, das zugleich ihre Doktorarbeit in Germanistik ist, dem Thema in tausend und einer Textstelle nachgeht, in Heines Reiseliteratur wie in seiner Biographie — beides wichtig fürs Verstehen von »Deutschland. Ein Wintermärchen«. Kostprobe: drei Vornamen wünscht sich Heine für seine Taufe, Christian Johann Heinrich, in dieser Reihenfolge, ungewöhnlich (weil Johann in der Regel zuerst steht) und vielleicht nur dadurch erklärlich, dass Heine die Kurzform JCh (Jesus Christus) vermeiden will, jüdisch bleibend und an seinen Großvater Chaim (ChJ) Bückeburg erinnernd (eingedeutscht Heymann Heine). Nun, Chanukka ist für diesjahr vorüber. Danke also Raphaela Brüggenthies und fröhliche Weihnachten!

1     Wahrig-Burfeind (1999): »Wahrig-Fremdwörterlexikon«
2     Brüggenthies (2022): » ›Heilige Schwelle‹ Der frühe Heine — ein jüdisch-christliches Itinerarium«

16. Dezember 2025

» ›Ja, die Weiber sind gefährlich!‹ Heinrich Heine und die Frauen« von Sabine Brenner-Wilczek


Von Harburg fuhr ich in einer Stund
Nach Hamburg. Es war schon Abend.
Die Sterne am Himmel grüßten mich,
die Luft war lind und labend.
(Wintermärchen, Caput XX)

Die Stimme, die aus einem Text zu uns spricht, kann verschiedenerlei Ton annehmen: souverän dozierend wie Joseph A. Kruse1, Rätsel beschwörend wie Klaus Briegleb2 oder ganz direkt, erhellend und leichtfüßig Raum und Zeit überbrückend. So klingen die Portraits von Sabine Brenner-Wilczek3, die Heines wichtigste Zeitgenossinnen in kurzen Begegnungen nahe bringen. Fürs Wintermärchen zentral natürlich das gleich erste Portrait, Heines Mutter: Ziel der großen Hamburg-Reise, die er im Duktus — auch der Meister selbst hat einen Ton, nein! hat Töne und im Wintermärchen einen Grundton — des fahrenden Sängers schildert und deren Reise-Anlass erst in Hamburg, am Ziel (wie bei Homer), besungen wird: die Sehnsucht (nicht des Odysseus, sondern) des Dichters ( — Held und Dichter sind eins in dieser lyrischen Urform des Theaters). Den katastrophalen Brand in Hamburg, d. h. die Bedeutung für Heinrich Heine, verstand ich bei der Lektüre von Sabine Brenner-Wilczeks Portrait der Rahel Varnhagen von Ense zum ersten Mal. Es wird deutlich was Hannah Arendt meint, wenn sie ganz am Schluss ihrer Rahel-Biografie Heine zum Seelenretter4 erklärt. Der Ton und die Stimme der meisterhaften Rahel Varnhagen von Ense sind ihren wenigen erhaltenen Briefen zu entnehemen, von denen es heute sehr viel mehr gäbe, wären nicht Heines — er war einer der wenigen Korrespondenten Rahels, der ihre Briefe aufbewahrte — in Hamburg verbrannt.

1     Kruse (1997): »Heine-Zeit« (im letzen Blogbeitrag vorgestellt)
2     Briegleb (1997): »Heinrich Heine, jüdischer Schriftsteller in der Moderne«
3     Brenner-Wilczek (2015): »Ja, die Weiber sind gefährlich! Heinrich Heine und die Frauen«
4     Arendt (1958): »Rahel Varnhagen. The Life of a Jewess«

9. Dezember 2025

»Heine-Zeit« von Joseph Anton Kruse


Ein feierlicher Moment! Ich war
Wie angeweht vom Hauche
Der Vorzeit, als ich Schwur den Eid
Nach altem Erzväterbrauche.
(Wintermärchen, Caput XXV)

Theater ist immer Zeitreise. Wenn aber ein Text zur Aufführung kommt, dann reisen wir in die Zeit des Stückes. Heinrich Heine als jüdischer Theaterautor1 wiederum entführt uns in die verschiedensten Zeiten, etwa in die Ära Napoleons, als mit dem Code Napoléon Judenemanzipation und überhaupt eigenständig bürgerliches Recht in Heines Geburtsstadt Düsseldorf kamen. Auch die mythische Vorzeit erscheint schlagschattenartig in Gestalt hebräischer und griechischer Erzählungen. Das Hier und Jetzt des Jahres 1844, diese anderen Gegenwarten, alle Zeiten fallen in eins: wie im Text so auf der Bühne. Zur Vorbereitung der Aufführungen im Januar lese ich »Heine-Zeit« von Joseph Anton Kruse2. Es ist ein phantastischer Zugang, der jedem an der Heine-Forschung interessierten Menschen empfohlen werden kann. Diverse Blickrichtungen werden eingenommen, von der jüdischen Familiengeschichte Heines, über die Stellung als europäischer Autor bis hin zu seiner Wirkung auf Büchner, Brecht und andere. Ziemlich großzügige Einblicke in ein jedes Kapitel gewährt die Vorschau bei Springer Nature.

1     Warum ich Heine, der nur zwei Dramen und ein Ballett (»Der Doktor Faust« !) verfasst hat, als einen Theaterautor wahrnehme, beschreibe ich im nächsten Blog-Artikel am 16. Dezember.
2     Kruse (1997): »Heine-Zeit«

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