Deutschland. Ein Wintermärchen
Von den schneebedeckten Champs Élisées bis in die schummrigsten Ecken Hamburgs. Von der Ära griechischer Mythen bis ins Europa der Revolutionen. Heinrich Heines Klassiker erstmals vollständig auf der Bühne!
Paris, 1844: zurück von der letzten Reise durch die Heimat, entsteht »Deutschland. Ein Wintermärchen«, Heinrich Heines später berühmtestes Buch. Die Reise-Erzählung voller Witz und Poesie ist zugleich eine Rede aus dem Exil. Lange von Zensur und Verboten getroffen, ist das Werk seit 2018 erstmals vollständig auf der Bühne zu erleben.
Zur Neu-Eröffnung der Spielstätte Kapelle99 durch das Land Berlin kam »Deutschland. Ein Wintermärchen« in einer Reihe von Aufführungen 2025/2026 zurück in die Hauptstadt. Georg Stephan (Schauspiel und Oper Frankfurt, Münchner Kammerspiele, Deutsches Schauspielhaus Hamburg) ist mit Heinrich Heines Klassiker, als erstmals vollständigen Theaterbearbeitung, demnächst wieder hier zu erleben. Termine folgen.
Heinrich Heines Werk hat eine lange Geschichte von Verboten, Zensur und Selbstzensur. Heute kann das Werk vollständig online als wissenschaftliche Gesamtausgabe gelesen werden, beim Heinrich-Heine-Institut (hier).
Bisher sehr begrenzt ist die Möglichkeit, die erhellenden Gedanken der Heine-Forschung online zu erkunden. Das will deutschlandeinwintermaerchen.de zukünftig für diesen Text leisten. Forschungsliteratur zum Wintermärchen wird bereits regelmäßig in einem Blog auf dieser Website vorgestellt und später (incl. Volltextsuche) mit Heines Versen verknüpft.
Kulturförderung des Doppelbezirks Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, Eröffnungsspielzeit der neuen Kappelle 99 mit »Deutschland. Ein Wintermärchen«
Schiffbauerdamm/ Reichstagsufer Berlin, Kulturschiff MS Goldberg — Gastspiel im Medio.Rhein.Erft, Bergheim, Konrad-Adenauer-Platz
Heinrich-Heine-Institut / Heinrich-Heine-Gesellschaft, Düsseldorf: Live-Übertragung von »Deutschland. Ein Wintermärchen«
»Deutschland. Ein Wintermärchen« im Kulturprogramm des Zentralrats der Juden in Deutschland
Eröffnung Literaturtage der NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf mit »Deutschland. Ein Wintermärchen«
Berlin, Unter den Linden: »Deutschland. Ein Wintermärchen« erstmals ungekürzt, Premiere
Einmal wöchentlich — jeden Dienstag — stelle ich hier Literatur aus der Welt der Heine-Forschung vor, dazu Gedanken aus meiner eigenen Praxis rund um Text und Bühne.
Du bist der Richter, der Beamte bin ich.
Und mit dem Gehorsam des Knechtes
Vollstreck ich das Urteil, das du gefällt.
Und sei es ein ungerechtes.
(Wintermärchen, Caput VI)
Ein Hochzeit-...Ständchen! ...ist mein Lied.
Das Bessere, das neue.
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe.
(Wintermärchen, Caput I)
Was den Hund betrifft, so ist er
Freilich ein serviler Köter.
Weil: Jahrhunderte hindurch
Ihn der Mensch „wie'n Hund“ behandelt.
(Atta Troll, Caput VI)
Es wächst heran ein neues Geschlecht,
Ganz ohne Schminke und Sünden.
Mit freien Gedanken, mit freier Lust.
Dem werde ich alles verkünden.
(Wintermärchen, Caput XXVII)
Es gibt hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder.
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust und
Zuckererbsen nicht minder!
(Wintermärchen, Caput I)
Beleid'ge die Götter! Die Alten! Die Neu'n!
Auch Gute, die Bösewichter!
Und den höchsten, Jehova! ...obendrein,
Beleidige nur nicht den Dichter.
(Wintermärchen, Caput XXVII)
Den lispelnd westphälischen Akzent
Vernahm ich mit Wolllust wieder.
Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch
Und ich dachte der lieben Brüder.
(Wintermärchen, Caput X)
Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
Das schenkte mir freundlich den Punsch ein.
Wie goldene Seide das Lockenhaar,
Die Augen sanft, wie Mondschein.
(Wintermärchen, Caput X)
So geheißen ist die Brücke,
Die von Frankreich führt nach Spanien.
Zögernd, fast verzagt, verließ ich
Den geweihten Boden Frankreichs.
(Atta Troll, Caput XI)
Ist er wirklich ein Verstorb'ner?
Manchmal röchelt er unheimlich,
Öffnet weiter noch die Augen,
Wie aus Todesschlaf erwachend.
(Atta Troll, Caput XXI)
„Einen Regenschirm, ich gäb' ein
König-, ja, ein Kaiserreich
Jetzt für einen Regenschirm!”,
Rief ich und das Wasser troff.
(Atta Troll, Caput XXI)
Das alte Geschlecht der Heuchelei
Verschwindet, Gott sei Dank!, heut.
Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt
An seiner Lügenkrankheit
(Wintermärchen, Caput XXVII)
Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben.
Sind gefährlicher noch als die
Von Hoffmann von Fallersleben!
(Wintermärchen, Caput II)
Traum der Sommernacht! Phantastisch,
Zwecklos ist mein Lied, ja, zwecklos
Wie die Liebe, wie das Leben,
Wie der Schöpfer samt der Schöpfung.
(Atta Troll, Caput III)
Als Laskaro solchermaßen
Öffentlich sich rühmen hörte,
Lachte er vergnügt im Barte
Und errötete vor Freude.
(Atta Troll, Caput XXV)
Dummheit und Bosheit buhlten hier
Gleich Hunden auf offener Gasse.
Die Enkelbrut erkennt man noch heut.
An ihrem Judenhasse.
(Wintermärchen, Caput IV)
Ihre Blicke sind ein süßes
Strahlennetz, in dessen Maschen
Unser Herz, gleich einem Fischlein
Sich verfängt und zärtlich zappelt.
(Atta Troll, Caput I)
Du bist mein Liebling jetzt, es hängt
Dein Bildnis zu Häupten des Bettes
Und, siest du, ein frischer Lorbeer umkränzt
Den Rahmen des holden Portraittes.
(Wintermärchen, Caput XXIV)
Traum der Sommernacht! Phantastisch,
Zwecklos ist mein Lied, ja zwecklos
Wie die Liebe, wie das Leben,
Wie der Schöpfer samt der Schöpfung.
(Atta Troll, Caput III)
O, Danton, du hast dich sehr geirrt
Und musstest den Fehler büßen
Mitnehmen kann man das Vaterland
An den Sohlen, an den Füßen.
(Wintermärchen, Caput XIX)
Vergeblich suchte ich überall
Den krummen Adonis, der Tassen
Und Nachtgeschirr von Porzellan
Feilbot in Hamburgs Gassen.
(Wintermärchen, Caput XXII)
Dass ich keine reine Jungfrau bin,
Die Franzosen wissen es besser.
Sie haben mit meinem Wasser so oft
Vermischt ihr Siegesgewässer.
(Wintermärchen, Caput V)
Die alte Karschin ist gleichfalls tot.
Auch die Tochter ist tot, die Klencke.
Helmine Chezy, die Enkelin,
Ist noch am Leben. Ich denke.
(Wintermärchen, Caput XVI)
Fatal ist mir das Lumpenpack,
Das, um die Herzen zu rühren,
Den Patriotismus trägt zur Schau
Mit allen seinen Geschwüren.
(Wintermärchen, Caput XXIV)
Wir hätten einen Nero jetzt
Statt Landesfürsten im Dutzend,
Wir schnitten uns die Adern auf,
Den Schergen der Knechtschaft trutzend.
(Wintermärchen, Caput XI)
Ich tauchte manchmal die Finger hinein
Und manchmal ist es geschehen,
Dass ich die Haustürpfosten bestrich
Mit Blut im vorübergehen.
(Wintermärchen, Caput VII)
Von Köln bis Hagen kostet die Post
Jetzt fünf Taler, sechs Groschen, preußisch.
Die Postkutsche war leider besetzt
Und ich kam in die offene Bei-Chaise.
(Wintermärchen, Caput VIII)
Ich weiß wohl was Saint-Just gesagt,
Weiland im Wohlfahrtsausschuss.
Man mache keine Revolution
Mit Rosenöl und Moschus.
(Wintermärchen, Caput XXVII)
Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal
Dein Anblick, armer Vetter,
Der du die Welt erlösen gewollt,
Du Narr, du Menschheitsretter!
(Wintermärchen, Caput XIII)
Von Harburg fuhr ich in einer Stund
Nach Hamburg. Es war schon Abend.
Die Sterne am Himmel grüßten mich,
die Luft war lind und labend.
(Wintermärchen, Caput XX)
Ein feierlicher Moment! Ich war
Wie angeweht vom Hauche
Der Vorzeit, als ich Schwur den Eid
Nach altem Erzväterbrauche.
(Wintermärchen, Caput XXV)
Georg Stephan
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